Assistenzarzt - Alltägliches aus dem Ärzteleben
Bild und Ärztehasser-Bücher
Posted on 10.05.2007 at 08:14 PM - Post Comment
Tja, da wundere ich mich gestern, warum so viele Angehörige so aggressiv und bösartig waren und warum sie in Scharen auf die Station kamen. Ich hielts für Zufall. Heute morgen erfahre ich, was die gestrige Bild-Schlagzeile war. Da hat sich also die Blöd-Zeitung wieder von den Lobbyisten der Krankenkassen und Krankenhausverbände bezahlen lassen, damit mal wieder eine Schmutzkampagne losgetreten wird.
Diesmal fand sich sogar ein Klasse-Aufhänger und man brauchte nicht lange Gehaltslisten fälschen oder schreiben, was man unter dem letzten LSD-Trip erlebt hat. Nein, den Stoff lieferte einer, der wohl keinen Wert darauf legt, von anderen Ärzten gemocht zu werden: Ein gewisser Werner Bartens. Die PR-Strategie des Verlages vermarktet ihn als erfahrenen Arzt, der die Abgründe deutscher Kliniken gesehen hat. Gar nichts hat er!!! Als Insider-Buch wird es angepriesen. Insider? Setzt das nicht voraus, dass man irgendwo drin ist? Sich auskennt? Erfahrungen hat? Er hat 1,5 Jahre als Arzt gearbeitet, wovon er einen Teil in der Forschung verbracht hat - also Labor und keine Patienten. 1,5 Jahre... wenn man weiß, wie alt er ist und wie lange er als Journalist tätig ist, fällt es nicht schwer, zu erkennen, dass diese 1,5 Jahre lediglich die AIP-Zeit waren, die es damals noch gab - und die musste er ableisten, um die Vollapprobation zu kriegen. Kapiert? Er hat sich mit Patienten abgegeben, weil er es musste, um zu kriegen was er wollte, nicht um sie zu behandeln, sie waren nur Mittel zum Zweck. Wozu braucht man die Vollapprobation? Um sich Arzt nennen zu können. Und um in der Apotheke rezeptpflichtige Medikamente ohne Rezept zu holen. Und um angeben zu können, weil der Satz "Ich bin Arzt" immer noch bei einigen Menschen sowas wie Achtung hervorruft.
Diese Achtung gebührt Herrn Bartens aber wohl nicht mehr, finde ich. Jemand der aus finanziellen Interessen, die lediglich auf die eigene Person abgerichtet sind, einen ganzen Berufsstand verunglimpft, dem gebührt von niemandem mehr Achtung - weder von Ärzten noch von Patienten.
Das Buch, das er geschrieben hat, dient lediglich dazu, durch reißerische Darstellung (deren Wahrheitsgehalt für mich nicht hundertprozent nachvollziehbar ist) in kurzer Zeit möglichst viele Bücher zu verkaufen und möglichst viel Geld zu machen. Dass er durch das Zitieren einzelner Fehlentscheidungen mit schweren Folgen, die wohlmöglich durch die schlechten Arbeitsbedingungen deutscher Ärzte ausgelöst wurden, den Eindruck aufkommen lässt, ein ganzer Berufsstand sei unfähig, geldgeil, egoistisch, rücksichtslos und gewissenlos, ist eine gezielte Diskriminierung und Verunglimpfung aller Ärzte in Deutschland. Ja, man kann eigentlich schon von Rufmord reden.
Jedem passieren Fehler - sowohl Ärzten wie auch Anwälten, Beamten (Stichwort Kevin und andere tote Kinder, die noch leben könnten), Richtern (Stichwort Kinderschänder), Verkäuferinnen, Frisören, Polizisten,... und oft sind diese folgenschwer. Aber verurteilen wir deshalb alle Richter, weil einer einen Schuldigen zu einer geringen Strafe verurteilt hat? Verurteilen wir alle Polizisten, nur weil ein Polizist betrunken Auto gefahren ist und einen Unfall verursacht hat?
Ursprünglich hatte der Verlag nur das Lehrerhasserbuch veröffentlicht, in dem die Autorin sachlich aus ihren über Jahre gesammelten Erfahrungen berichtet und bereits bekannte Mißstände anprangert, die auch von der Politik als solche bereits anerkannt wurden. Nachdem man darauf soviel Resonanz in den Medien hatte, kam wohl ein pfiffiger PR-Mensch darauf, dass es ja nicht nur Lehrer gibt. Also bediente man sich irgendwelcher Statistiken und guckte, womit man die Leute am ehesten erschrecken kann - denn nur das verkauft sich noch gut. Uns drohen also wahrscheinlich noch mehr dieser ...-hasserbücher. Wie wäre es mit einem Bildzeitungshasser-Buch???
Deutschland hat 300 000 Ärzte. Noch. Es werden immer weniger. Die wenigen müssen immer länger arbeiten. Für Ärzte gibt es keine "Lenkzeit" wie für Brummi-Fahrer und keinen Fahrtenschreiber. Ärzte "dürfen" nur 24 Stunden am Stück. 99% müssen mindestens nach jedem 2. Dienst länger bleiben, weil sonst niemand da ist, der die Patienten betreut. Für diese Zeit bekommen sie weder Geld noch Freizeitausgleich, denn offiziell sind sie ja gar nicht mehr da - sonst würden die Kliniken Ärger kriegen. Deshalb wird die Anwesenheit nach Dienst von den Kliniken ignoriert, es ist untersagt, aufzuschreiben wenn man länger da war.
Ja, von diesen 300 000 Ärzten reißen sich fast alle den Arsch auf, verzichten wie beschrieben auf ihnen zustehende Bezahlung, arbeiten im Schnitt wenigstens 48 Stunden die Woche, mit Diensten noch länger. Lassen ihre Kinder viel zu oft allein ins Bett gehen, verzichten auf ein normales Familienleben. Gehen mittags nur sporadisch zum Essen, weil keine Zeit ist. Werden regelmäßig Opfer körperlicher Gewalt durch Patienten. Arbeiten mit dem Risiko sich mit infektiösen Erkrankungen anzustecken. Wissen, dass sie im Schnitt eher sterben als z.B. Beamte. Verzichten auf Urlaubstage - denn sonst ist ja keiner da. Gehen zu Fortbildungen, für die sie ein Schweine-Geld bezahlen müssen. Legen für Patienten die 10 Euro aus, damit sie sie behandeln können. Behandeln auch mal nicht-versicherte umsonst. Welcher Klempner würde umsonst einen Rohrbruch beseitigen??? Ich kenne keinen.
Lieber Herr Barten,
was Sie mit Ihrem Buch erreichen, ist für Sie verdammt positiv - einen Haufen Geld und ein schönes Garantiehonorar. Ich weiß nicht, ob den Lesern bekannt ist, dass Sie irgendwo zwischen 7 und 12% vom Ladenverkaufspreis kriegen als Autor.* Dass Sie dafür inkauf nehmen, dass überall in diesem Land die Vertrauensbasis Arzt-Patient gestört oder zerstört wird, dass ein ganzer Berufsstand verleumdet wird durch die Boulevardpresse, dass man als Arzt inzwischen Anfeindungen ausgesetzt ist und ein völlig verzerrtes Bild in der Öffentlichkeit entsteht etc. spricht nicht gerade für Ihr Gewissen und Ihren Charakter. Aber darauf kann man ja pfeifen, wenn der Preis stimmt.
Sie blenden die Leute. Sie geben sich als erfahren aus und als Insider, haben aber niemals solange gearbeitet um überhaupt Erfahrungen für einen Facharzt zu sammeln. Sie haben man gerade 1,5 Jahre durchgehalten. Trotzdem maßen Sie sich an, über jeden Arzt in Deutschland zusammen mit dem größten Boulevardblatt, das nicht gerade für seriösen und gut recherchierten Journalismus steht, ein schlechtes Urteil zu fällen. Ihr Studienplatz wäre mit einer anderen Person, die wirklich für das eintritt, wofür der Arztberuf steht - im Interesse der Patienten zu handeln - besser besetzt gewesen. Sie sind mit Sicherheit nicht das, wofür das Wort Arzt steht. Ich weiß nicht, ob Ihr Verhalten mit den Statuten der Bundesärztekammer in Einklang zu bringen ist. Ich weiß auch nicht, ob es mit dem Hippokratischen Eid in Einklang zu bringen ist. Ich weiß nichtmal, ob es überhaupt mit dem Wort Moral in irgendeine minimale Beziehung gesetzt werden kann.
Ich hoffe nur, dass dieser Hype bald vorbei ist und dass es den tausenden hart arbeitenden Ärzten in Deutschland gelingt, die Vertrauensbasis zu den Patienten zu erhalten. Und ich hoffe auch, dass wenigstens ein Teil der Leser kritisch genug sind und die alte Regel befolgen "Man soll nicht alles glauben, was irgendwo geschrieben steht."
* Nehmen wir eine Erst-Auflage von 500 000 Stück an - durchaus realistisch dass diese Verkaufszahlen dieses Jahr noch erreicht werden bei soviel Wirbel wie die BILD macht. Bei einem Verkaufspreis von 7,95 Euro und einem Honorar von 10% des Netto-Ladenverkaufspreises, hat er damit bald so ca 369000 Euro verdient - nur für diese geschätzte Erstauflage und die angenommenen Verkaufszahlen für dieses Jahr. Dafür braucht ein normaler Assistenzarzt in einem durchschnittlichen Krankenhaus je nach Anzahl der Dienste so zwischen 7 und 10 Jahren.
http://www.aerztezeitung.de/nel/?id=449300,5122,/magazin/medizin_in_den_medien
http://www.aerztezeitung.de/nel/?id=449330,5122,/magazin/medizin_in_den_medien
? Vorherige Seite :: Nächste Seite ?
|