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Die Tiefen des TV

Posted on 28.05.2007 at 04:03 PM - Post Comment

Ich hab vorgestern abend im Videotext geblättert. Da stand die Meldung, dass ein niederländischer TV-Sender eine Show plant, in der eine "todgeweihte junge Frau" (Zitat) von 34 Jahren eine Niere spendet sobald sie gestorben ist und 3 dialysepflichtige Kandidaten "spielen" um diese Niere und versuchen die Gunst der Spenderin zu gewinnen. Die Zuschauer dürfen voten und der Spenderin raten, wen sie nehmen soll. Ich weiß nicht, ob das wirklich eine ernste Meldung war, aber ich halte es nicht für unmöglich, dass das stimmt.

Das ist das perverseste was ich seit langem gehört habe. Die Abgründe des TVs und damit auch der menschlichen Seele. Das verstößt komplett gegen jedes Gesetz zur Organspende in Europa, um Organhandel zu verhindern, denn das ist ganz klar Organhandel - wer bietet mehr.

 

Für alle zur Erklärung: Die Organspende ist so organisiert, dass ein Spender an die Zentrale gemeldet wird (der DSO und Eurotransplant). Die gucken dann, welcher Patient auf der Warteliste am dringendsten ist und wenn das Organ nicht auf ihn passt, mit welchem Spender auf der Warteliste es am ehesten zusammenpasst. Entscheidend sind dabei die HLA-Kombinationen. Spender bzw. dessen Angehörige und Empfänger kennen sich nicht. Die Ärzteteams zur Entnahme beim Spender und zur Transplantation in den Empfänger sind auch verschieden. Manchmal wird ein Organ quer durch Europa geflogen - hier sind die Johanniter in Deutschland die Transporteure. Die Anonymität wird nur in Problemfällen aufgehoben und dann auch nicht komplett. Es ist möglich, wenn der Empfänger später in den Nachkontrollen ist und es Probleme gibt, dass sich die Transplantationssprechstunde an Eurotransplant wendet und meldet, was es für Probleme gibt. Die können dann in den Akten und Daten nachsehen und schauen, ob es anderswo z.B. mit der zweiten Niere auch die gleichen Probleme gibt. Das hilft oftmals schon weiter, wenn es z.B. um Abstoßungsreaktionen geht. Dem Patienten gegenüber wird von den Daten zum Herkunftsland etc. aber nichts erwähnt, damit die Anonymität erhalten bleibt.

Bei der Lebendspende ist es so, dass nur Familienangehörige - also Ehepartner, Eltern, Geschwistern etc. - spenden dürfen und das ganze dann auch vorher von einer Ethikkommission geprüft wird, damit nicht plötzlich ein unehelicher Bruder auftaucht, der unter dem Tisch einen Scheck erhält.

Mit diesen Regularien will man verhindern, dass es zu einem Organhandel kommt. Denn wer krank ist, ist bereit alles zu tun, auch wenn er z.B. ein Spendeorgan braucht. Diese Menschen würden Kredite aufnehmen, nur um eine neue Niere oder ein Herz zu bekommen. Und es gibt genug Arme, die Geld zum Überleben brauchen. Und leider gibt es genug Kriminelle, die dies ausnutzen - siehe Indien oder andere arme Länder - und versuchen damit reich zu werden.

 

Ich finde, die Niederlande sollten ganz klar aus der Eurotransplant - Organisation fliegen, wenn sie so etwas auf den Bildschirm lassen, wo kranke Patienten auf ein Spenderorgan warten und um die Gunst eines potientiellen Spenders buhlen. Das ist das Leid anderer ausnutzen und verstößt für mich gegen den Paragraph 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ich denke, sowas wird auch in den Niederlanden gelten.

Die Niederlande fördern mit so einer Sendung den Organhandel, verstoßen gegen Richtlinien der EU, der Mitgliedsstaaten und von Eurotransplant. Mal abgesehen, dass es sowas wie gute Sitten, Ethik und Moral noch geben soll, wie ich gehört habe. Ich wäre nicht mehr bereit, für Organspende zu werben oder Angehörige zu fragen und würde auch selbst meinen Organspendeausweis vernichten, wenn ich wüßte, dass ein Land das zu Eurotransplant gehört, Organhandel pur zeigt und dass in dieses Land Organe von Spendern gehen, deren Angehörige ich frage und denen ich ins Gesicht sagen muss, dass alles korrekt abläuft und keiner damit Profit schlägt, wenn ihrem geliebten Verstorbenen Gewebe oder Organe entnommen wird.
Wie soll man da als Arzt noch fragen, ob Angehörige eines hirntoten Patienten mit der Spende der Organe einverstanden sind? Oder mit einer Gewebespende? Die Fragen, ob sie beschränken können, in welche Region die Spende geht oder ob sie ein Kind bekommt, kommen so oft. Wenn diese Sendung tatsächlich gezeigt wird, dann wird eine Menge Menschen fordern, dass nur jemand z.B. aus Deutschland es bekommt oder nur ein Kind oder nur ein Mann oder nur jemand einer bestimmten Religion. Damit hätte man den Gedanken der Organspende und von Eurotransplant ganz klar vernichtet: Uneigennütziges Spenden für kranke Empfänger nach medizinischer Notwendigkeit ohne Bevorzugung von Hautfarbe, Religion, Staatsangehörigkeit, politischen Überzeugungen etc.

 

Wer trotz der Androhung so einer TV-Sendung (die hoffentlich verhindert wird), einen Organspendeausweis haben will, um seinen Angehörigen zu sagen und es zu zeigen, wie man darüber denkt, kann sich bei der Deutschen Stiftung für Organspende informieren.


Unbenannter Kommentar

Posted by Krokodil on 30.05.2007 at 10:25 PM - Link

habe einen beitrag darüber in der zeitung gelsen und die sendung ist nicht illegal und kann daher nicht verboten werden, was schon versucht wurde. gleichzeitig wurde gesagt, dass diese vier kandidaten in der sendung eine 90% höhere chance auf eine niere haben, als auf der liste. aus deren sicht also ihre letzte chance. sollen sie machen. man muss es sich ja nicht anschauen.

das ist das Problem...

Posted by assistenzarzt on 31.05.2007 at 07:27 PM - Link

... es ist in den Niederlanden nicht illegal und kann nicht verboten werden, weil es dort kein Gesetz gibt wie in Deutschland, was so unethisches Verhalten limitiert und den Organhandel so klar zu unterbinden versucht wie in Deutschland. Wieder einmal muss man sagen: Niederlande = Entwicklungsland. Gilt also nicht nur beim Fußball :-) Wie soll man etwas verbieten, wenn es gar nicht geregelt ist?

Liebes Kroko, du hast den Nagel eigentlich auf den Kopf getroffen: die Kandidaten haben eine höhere Chance auf ein Organ. Für die Kandidaten ok aus deren Sicht und für jeden nachvollziehbar. Ergo: man macht bei so einer makabren Sendung mit. Den Kandidaten macht niemand einen Vorwurf. Jeder versucht sein Leben zu retten so gut es geht.

Es ist schön, dass sich jemand zu seinen Lebzeiten klar für eine Spende entscheidet, auch wenn er weiß, dass er bald sterben wird. Es ist traurig, dass jemand seine restlichen Tage damit verbringt sich und seine Tragik öffentlich zur Schau stellen lassen zu müssen. Über die Gründe kann man nur spekulieren: Geldmangel wegen der Krankheit, Absicherung der Angehörigen... wie auch immer: Die Person wird aus wirtschaftlichen Gründen ausgenutzt durch die TV-Produzenten und ihre Würde dafür geopfert.

Problem: Organspende soll nach den internationalen Transplantationsempfehlungen der Fachgesellschaften, Ethikverbände etc und z.B. nach dem deutschen Gesetz und Richtlinien der DSO und Eurotransplant so ablaufen, dass nach der MEDIZINISCHEN NOTWENDIGKEIT entschieden wird und gerecht aufgeteilt wird. Es erhalten immer diejenigen zuerst das Organ, die es medizinisch am schnellsten brauchen. Dafür gibt es ja diese Klassifizierungen der Patienten bis hin zu "HU" - Höchste Dringlichkeit, da der Tod innerhalb der nächsten Stunden / Tage droht. Anders geht es wegen der Knappheit der Organe nicht - zuwenige Spender. Hätten wir genügend Spender, wären die Spielregeln anders.
Es ist quasi wie im restlichen Klinikleben auch: Die schnellsten OP-Termine bekommen diejenigen mit den bedrohlichsten Erkrankungen. Einen perforierten Magen operiert man sofort, weil akut lebensbedrohlich. Einen Tumor schnellstmöglich, weil lebensverkürzend. Eine verschlissene Hüfte, wenn es einen geplanten Termin gibt. Niemandem wird so geschadet, es ist für alle gerecht nach der Schwere der Erkrankungen.


Niemand macht den Kandidaten oder der Spenderin einen Vorwurf. Nein, die Vorwürfe gelten den TV-Produzenten und dem Sender. Denn diese nutzen das Leid der Patienten für wirtschaftliche Zwecke aus. Die Preise für die Werbeblocks sind horrend. Der TV-Produzent ist nichts weiter als ein Organhändler oder -vermittler wie es sie in Indien und in den Entwicklungsländern zuhauf gibt, nur dass man in Holland nicht in schmierigen Büros residiert sondern in Glaspalästen.

Ich stelle dir und den anderen Lesern die Frage:
Ist es ethisch vertretbar, dass mit dem Tod der Spenderin ein Organ zur Verfügung steht, aber die Niere nicht an jemanden geht, der die nächsten Tage oder Wochen ohne Spenderorgan sterben wird, sondern an jemanden, der noch zwei bis vier Jahre Zeit hat bis es kritisch wird?
Wie rechtfertigt man dieses Verhalten vor jemandem der die Niere dringender braucht, aber es nicht als Kandidat in die Sendung geschafft hat und dem diese Niere nicht über das normale Transplantationsnetzwerk zur Verfügung steht?
Welche Auswirkungen wird diese Sendung auf das Spendeverhalten haben und auf die Hinterbliebenen, die gefragt werden?
Warum ist das Leben der Kandidaten aus der Sendung mehr wert, was macht sie so besonders, dass sie es anders als andere verdient haben, eine höhere Chance auf ein Organ zu haben?
Nach welchen Kriterien hat der TV-Produzent die Kandidaten ausgewählt?

Wenn wir anfangen, bei einem so heiklen Thema Unterschiede zwischen den Patienten zu machen, die nicht in medizinischer Notwendigkeit begründet sind, sondern auf persönlichen Neigungen, Fernsehtauglichkeit oder Beziehungen basieren, dann geben wir die Gerechtigkeit auf. Gerechtigkeit, die uns dafür sorgen lässt, dass einem HARTZ IV - Empfänger das gleiche Anrecht zukommt wie einem Privatpatienten. Und daran glaube ich noch.

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