Assistenzarzt - Alltägliches aus dem Ärzteleben
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Posted on 3.07.2007 at 07:38 PM - Post Comment
Seit kurzem neue Station. Ich weiß jetzt wo das Chaos zuhause ist. Keine Struktur drin, weder in der Kurvenführung noch im Tagesablauf. In gar nichts!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Kein wunder, dass die schwestern stinkig sind. Das wär ich auch. Das bin ich auch... 3h lange Visiten, keine klare Kompetenzaufteilung, Patienten, die erst nachmittags um drei kommen, wenn der Tag schon gelaufen ist. Furchtbar. Alles hängt, weil die Visiten solange dauern. Alles - telefonieren, Arztbriefe, Aufnahmen, Untersuchungen... alles. Ja, ich kenne es mit einer klaren Teilung der Station. Jeder seine Hälfte, seine Zuständigkeit, seine Verantwortung, seinen Mentor. Da isses so, dass meine Kollegin - nennen wir sie einfach "die mit der gespaltenen Zunge spricht" - 7 Patienten hat, mein Kollege - nennen wir in einfach "der sich aufgegeben und sich angepasst hat" - 6 Patienten hat und ich.... na, ratet mal... richtig, ich hab 18 Patienten. Und weil meine Kollegen sich langweilen, nehmen sie auch Patienten bei mir auf. Aber Spaltzunge sagt mir nichts drüber, so dass ich nichts drüber weiß. Für mich = Kontroll- und kompetenzverlust. Und Visite heißt, alle gehen auf allen Bereichen mit. Uneffektiv, unglaublich uneffektiv. Deswegen 3 h, deswegen nicht auf den Punkt kommen. Apropos... man neigt dort dazu, alles zu verkomplizieren. Banale Diagnosen weden aufgebauscht. Dafür wird bei jedem irgendwas nicht ausreichend beachtet - kardial vor allem oder gastroenterologisch. Eine herzfrequenz von 120 is nicht normal, erst recht nicht, wenn jemand darunter kardial dekompensiert ist. Egal, hauptsache es sind stundenlange Gepräche über gott und die welt mit ihm dokumentiert. Zur krönung werden fehldiagnosen aus alten briefen übernommen, die ich kurz zuvor auf meiner alten station widerlegt habe!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Nein, da druckt man meinen alten Arztbrief aus und schreibt als erstes die fehldiagnosen mit kuli dazu. Ey, das is doch nich normal. Das geht doch nicht.
Als neuankömmling sieht man immer gleich, was nicht so läuft, aber anstatt dass man da aufgeschlossen ist für Vorschläge zur VEREINFACHUNG von Vorgängen, kriegte ich schon mind. 3x zu hören: das ist hier so, das haben wir immer so gemacht. Ein quark is das. Warum soll ich dreimal um die Stadt laufen, wenn eine Straße mittendurch führt? Man erkennt da nichtmal, ob untersuchungen schon gelaufen sind oder nicht, weil es kein system der kenntlichmachung gibt. Diagnosen stehen auf der rückseite der kurve und die Laborwerte findet man gleich gar nicht.
Und ich soll mich anpassen. Nee, dann würde ich mein Niveau absenken, auf das man mich auf meiner bisherigen Station hochtrainiert hat. Schmalspurmedizin ist das da, hochspezialisiert, aber 3 millionen scheuklappen zu allen anderen seiten. DIe kennen nichtmal die banalsten Leitlinien für Allerweltskrankheiten, dafür aber hochspezialisierte Sachen, die 1x / Jahr gebraucht werden, aber keinem was bringen. Ich verstehe jetzt die flüche meines töpfernden Kollegen über diese Station. Er hat mit allem recht behalten. Ich könnt soviel erzählen, aber dann lässt sich nachher keiner mehr behandeln.
Das erste was ich gestern noch bevor ich anfing zu arbeiten mitbekam war ein gespräch, das nicht für meine ohren bestimmt war. Oder doch? Man will testen, ob der neue wind, der wehen soll, denn auch was taugt. Ich weiß nicht, wer mich so angekündigt hat, ich mich jedenfalls nicht, aber ich bin auch nicht freiwillig auf der station und ich habe nicht vor, dort irgendwas zu ändern. Du hast die wahl: ändern und sich damit kaputt machen oder stur sein schema durchziehen, um zu überleben. Ich habe mitbekommen, dass es absicht war mit der Patientenzahl. Und die Häuptlingsärztin - nennen wir sie Kampfkatze - kann gut, viel zu gut mit Spaltzunge. Kampfkatze spricht auch mit gespaltener Zunge. Das wird zickenterror. Und das mir, wo ich mich sonst bei sowas raushalte.
Yes, jetzt is mir klar, warum keiner in das Wigwam dort einziehen will und alle froh sind, wenn sie in ein anderes Dorf wandern dürfen. Ich werde mir ein Maßband nehmen und die Zeit ausrechnen. 26 Wochen noch. Oh man... hoffentlich vergesse ich die guten Sachen nicht und verlerne nicht, straight und pragmatisch zu handeln, konsequent gegenüber Patienten zu sein, die suchtprobleme haben, Dinge nicht zu übersehen und zu ignorieren... und all das. Mein Lächeln hab ich in dem Job schon vor über 1,5 Jahren verloren. Hauptsache meine Desillusion bleibt mir nicht irgendwann ins Gesicht betoniert. Ich will zurück auf meine alte Station.
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