Assistenzarzt - Alltägliches aus dem Ärzteleben

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Posted on 15.10.2006 at 07:03 PM - Post Comment

War heute auf dem 81. Geburtstag meiner Urgroßcousine. Eine sehr nette ältere Dame aus Norddeutschland. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Ich bin so zwiegespalten.

Ich finde meine Urgroßcousinen sehr sympathisch. Liebe nette Omas. Ich habe sie erst vor einigen Jahren kennengelernt, genauer gesagt Mitte der 1990er.

 

Das Haus kannte ich noch nicht. Es ist sehr stilvoll mit alten Möbeln eingerichtet und hell. Aber ich traute mich kaum irgendwo gegen zu kommen, weil ich Angst hatte, die Deko oder Porzellan zu zerstören. Außerdem war es sehr kühl nach meinem Empfinden. Ich kam aus einer warmen Plattenhaus-Wohnung in dieses heizungskostensparende Einfamilienhaus, wo die Hintertür zum Garten die ganze Zeit aufstand. Und ich war dafür zu dünn angezogen.

 

Ich habe mich zwischen all den Gästen, die ich nicht kannte bzw nur mal so zwischen Tür und Angel kennen gelernt habe, ziemlich unbehaglich gefühlt. Dummerweise haben meine Urgroßcousinen Katzen, was ich vorher nicht wußte. Ich habe ne Katzenallergie. Habe aber nichts davon gesagt. Jetzt juckt es mir überall, wo ich freie Hautflächen hatte. Es hieß eigentlich, dass wir zum Brunch kommen. Was folgte, war kein Büffet sondern ein Gänge-Menü was durch den Sohn und die Enkeltochter des Hauses zubereitet war. Also eine Angelegenheit, bei der man eigentlich keine Kritik äußern sollte. Habe ich auch nicht. Ich wollte nicht unhöflich sein als Gast. Es gab Kürbissuppe - so gar nicht mein Fall. Ich habe selten so viel Überwindungskunst zustande gebracht. Aber mehr als einen halben Teller schaffte ich nicht. Peinlich. Der nächste Gang war mit Fisch. Ich mag keinen Fisch, damit kann man mich jagen. Ich habe wieder nur die Hälfte geschafft. Genauso peinlich. Was dann folgte war leichter zu überstehen. Allerdings musste ich Roggenbrot essen und ich habe eine Roggenallergie. Wird man den Geschmack von der Kürbissuppe eigentlich nochmal wieder los?


Noch unbehaglicher wurde die ganze Situation für mich, als ich feststellen musste, dass meine ebenfalls anwesenden Cousinen und ich uns dermaßen entfremdet haben, dass wir kaum Gesprächsthemen fanden. Früher waren wir zeitweise wie Schwestern, ein Herz und eine Seele. Da waren wir aber auch noch Kinder. Es kam nicht mal richtig Small Talk zustande, so sehr ich mich auch bemühte. Sie hatten nicht so richtig Lust dazu. Zumindest nicht die ältere der beiden. Als ich mit der jüngeren kurz alleine war, da kamen wir beide dann doch etwas ins Gespräch. Übers Abi, Führerschein, Abiball und so. Meine Mum hatte wohl mitbekommen, dass ich mich am U30-Tisch nicht so wohl fühlte und da ziemlich Schweigen im Walde war. Sie versuchte das ganze etwas in Gang zu bringen, aber viel hats nicht geholfen. Seitdem ich Ärztin bin, habe ich gemerkt, dass die beiden mich irgendwie für ein Alien zu halten scheinen. Das tut mir sehr weh. Vor allem bei der jüngeren. Ich habe mich nicht verändert, denke ich. Bei diesen Besuchen hat mein Job für mich nie eine Rolle gespielt. Es gibt ne Menge anderer Themen, über die ich mich gerne unterhalten würde. So wie früher. Über Musik, Schulzeiten, Menschen, Fernsehen, Computer, Filme, Fotografieren, Shopping. Aber es funktioniert irgendwie nicht mehr. :-((( So allein und fehl am Platze wie dort habe ich mich selten gefühlt. Wäre es nicht unhöflich gewesen, einfach zu gehen und wäre ich mit meinem eigenen Auto dagewesen, dann hätte ich mich sicher vorzeitig verabschiedet.

 

Was mir noch auffiel: meine Cousinen waren schon immer schlank. Aber die jüngere hat irgendwie doch ziemlich abgerissen. Haut und Knochen. Und sie lief während des sich über ne ganze Weile hinziehenden Essens nach einigen Gängen immer wieder auf Klo und hat außerdem ziemlich schlechte Zähne gekriegt, wie ich so bemerkte, wo die früher richtig schön waren. Ich denk mir da jetzt erstmal nichts bei, aber irgendwie denke ich mir doch so ein wenig dabei - obwohl ich mir ja wie gesagt nichts bei denke.

 

@ F. - Wenn ihr dagewesen wärt, vielleicht wäre es dann angenehmer gewesen, jemand zum erzählen. Tante I. war auch nicht da, leider. Mit ihr hätte ich wenigstens reden können. Bisher hatten wir immer was zu erzählen.

 

Ich weiß auch nicht. Es war nett, ja schon irgendwie. Aber andererseits... *seufz* Ich mags nicht, mich verloren und allein zu fühlen, zu frieren und ich mag keine Kürbissuppe, Fisch oder Roggenbrot.

 

Morgen habe ich meinen ersten Dienst in diesem Klinikum. Mal sehen. Drückt mir die Daumen.


traurig aber war

Posted by Anonymous on 16.10.2006 at 04:06 PM - Link

als ich letzten oktober bei tante i zu besuch war, waren wir auch mit den beiden anderen im kino. ja, gesprächsstoff gab's da nicht so. als wir noch bei denen zu hause waren, gab;s zwar was zu lachen, aber wenn ich da noch an früher denke..... da hatte ich mehr zu reden, als ich mit i und den tanten essen war.

muss grade mal über den begriff urgroßcousine nachdenken...

urgroßcousinen

Posted by Anonymous on 16.10.2006 at 10:55 PM - Link

= die Cousinen unserer Oma, sind die Großcousinen unserer Väter, also unsere Urgroßcousinen = Tante E. und Tante R.

Früher wollte S. unbedingt studieren. Ich habe ihr da immer zugeredet. Das hat ihrer Mutter nie gefallen... deswegen ist diese auch nicht so gut auf mich zu sprechen glaube ich :-) Gestern kriegte ich den Eindruck, dass sie trotz guter Abinoten nicht mehr studieren will - kann ich nicht verstehen. Alle redeten auf sie ein, dass sie eine Lehre machen soll, was solides. Das würde doch reichen. Außerdem kostet Studium ja. (Und da kam wieder der Satz, was meine Eltern wohl alles in mich reingesteckt haben und das das ja nicht jeder könne... was mich das immer auf die Palme bringt. Ich habe 3!!!! Nebenjobs gehabt, um mir das Studium zu finanzieren, weil ich eben nicht wie S. Eltern habe, die jedem Familienmitglied ein eigenes Auto kaufen.) Irgendwie hat sie früher auf mich einen anderen Eindruck gemacht. Gestern war sie so desillusioniert und perspektivlos.

Außerdem geht mir dieses ständige Vergleichen in der Verwandtschaft auf den Keks. Dieses ihr-habt-schon-immer-mehr-gehabt-als-wir-Gesülze, was nicht stimmt. Kann man sich denn nicht einfach mal mit dem anderen freuen? Ihm was gönnen? Diesen Neid abstellen. Einfach den anderen so akzeptieren, wie er ist. Das gute in den Menschen sehen. Doch immer nur dieses Vergleichen, mehr haben wollen, besser sein wollen, geklatsche, getratsche und "also ich weiß auch nicht wo die das Geld herhaben." Das säht solche Zwietracht in der Familie. Und dann dieses herablassende reden über nicht anwesende Familienmitglieder. Ja, ich glaubs ja nicht, wie man sich den Mund zerreißen kann. Man traut sich schon gar nicht mehr zu erzählen, wo man in Urlaub war, weil dann immer so blöde Sprüche kommen. Allmählich habe ich keine Motivation mehr, mehr als 1x pro Jahr zu solchen Großtreffen der Verwandtschaft zu erscheinen. Ich brauch ne Woche, um mich wieder einzukriegen.

Als Opa noch lebte... da war alles anders. Besser. Schöner. Friedlicher. Nun ist er tot, seit 17 Jahren wie mir gestern nochmal haarklein erklärt wurde, und irgendwie treibt es mir die Tränen in die Augen, wenn ich höre, wie manche über ihn reden... nur, um bei dem Gejammer um die schwerste Kindheit mithalten zu können. Das ist alles so unwahr, so verletzend, so falsch, so ungerecht. Das steht diesem Menschen, der das gesagt hat, auch nicht zu! Ich habe nur nicht den Mut gehabt, diesen Menschen zur Rede zu stellen. Das ärgert mich am meisten.

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