Gesetz der Keuschheit

Das strenge doch köstliche Gebot

Ich möchte etwas anders als üblich auf die Grundsätze eingehen, die die Keuschheil vor der Eheschließung und die Treue in der Ehr betreffen. Alle diese Grundsätze gehören zu dem strengen und doch köstlichen siebten Gebot, das vielleicht das unbeliebteste von den Zehn Geboten ist.

Über das siebte Gebot wird heute kaum noch gesprochen. Es gehört zu den Gesetzen Gottes, die am wenigsten beachtet und doch am dringendsten gebraucht werden. Es ist ein vorzügliches Beispiel dafür, wie sehr sich die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in den grundlegenden Verhaltensnormen von der Welt unterscheidet. Die Welt kümmert es kaum, ob dieses Gehot gehalten wird, solange man die Menschen in irgendeiner anderen Hinsicht bewundern kann.

Ich glaube seit langem, daß einige der schwierigsten Lehrsätze im Grunde die größte Wahrheit und die kostbarsten Grundsätze in sich bergen. Man erkennt sie jedoch nicht bei oberflächlicher oder ehrfurchtsloser Betrachtung. Der Gehorsam bringt in der Tat sowohl Segnungen als auch zusätzliche Erkenntnis mit sich, wie Petrus verheißt. Indem man die richtigen Grundsätze befolgt, erlangt man schneller Erkenntnis, (Siehe 2. Petrus 1 :8.) So verhält es sich auch mit dem siebten Gebot.

Ganz offen gesagt. Brüder und Schwestern, wir sollen uns jetzt bereitmachen. in einer besseren Welt zu leben. Dieses Leben ist wesentlich, und doch ist es nur ein kurzer Augenblick. Und wenn wir uns zu schnell an diese vergängliche, befleckte Welt anpassen, wird uns diese Anpassung für unser Leben in der künftigen Welt ungeeignet machen — ein Leben, das nie endet. Kein Wunder, daß es von denen, die dieses Gebot brechen, heißt, sie seien „ohne Verstand". (Siehe Sprichwörter 6:32.)

Freilich teilen wir mit der Welt einige Bedenken, die mit dem siebten Gebot zusammenhängen. Sowohl im Reich Gottes als auch in der Welt besteht der Wunsch, Geschlechtskrankheiten zu vermeiden. Gemeinsam ist auch der Wunsch, uneheliche Schwangerschaften zu vermeiden. Die dritte Sorge, die wir mit der Welt bis zu einem gewissen Grad teilen, ist die, daß sich Unkeuschheit nachteilig auf die Ehe und das Familienleben auswirkt und die Zahl der Scheidungen erhöht.

Zum Glück gibt es im Reich Gottes viel weitreichendere Gründe dafür, daß man das siebte Gebot halten soll, so begründet die genannten Sorgen auch sind. Beim Halten aller Gesetze der Keuschheit geht es vor allem darum, daß man Gottes Gebote halten soll. Josef war das ganz klar, als er auf das Bitten der lüsternen Frau Potifars nicht einging. (Siehe Genesis 39:9.) Josef wies deutlich auf seine Treue gegenüber Potifar hin, für den er arbeitete, und sagte: Wie könnte ich da ein so großes Unrecht begehen und gegen Gott sündigen?" Josefs Gehorsam war ein Akt der Treue gegenüber seiner zukünftigen Familie, gegenüber Potifar und Gott und sogar gegenüber Potifars Frau! In der Welt gibt es natürlich viele, die nicht damit übereinstimmen. daß man Gott grundsätzlich gehorchen muß. Und doch gibt es ganz eindeutig eine geistige Ökologie in bezug auf das Wesen des Menschen und das Verletzen dieser Naturgesetze. Ein weiterer wichtiger Grund, das siebte Gebot zu befolgen, ist der: Wenn wir es brechen, vertreiben wir den Heiligen Geist aus uns. Wir verlieren die kostbare Gemeinschaft mit ihm, weil er in einem sündigen Menschen nicht bleiben kann. Und ohne seine Hilfe bringen wir weniger zuwege, wird sind weniger aufnahmefähig und weniger liebevoll. Wir stehen dann gewissermaßen auf der Krankenliste der Armee des Herrn, und zwar gerade zu dem Zeitpunkt, an dem wir so sehr gebraucht werden.

Unkeuschheit ist auch deshalb gefährlich. well sie das Empfindungsvermögen abstumpft. Die sexuelle Ausschweifung kann einen ironischerweise in eben den Empfindungen abstumpfen, die man auf diese falsche Weise verherrlicht. Man hat dann „kein Gefühl mehr", wie es die Propheten verschiedener Evangeliumsausschüttungen ausgedrückt haben. (Siehe 1. Nephi 17:45; Moroni 9:20;. vgl. Epheser 4:19.)

Von Norman Cousins stammt die Warnung: „Wer unbedingt alles sehen und erleben muß, läuft Gefahr, nichts mehr empfinden zu können . . . Sein Feingefühl stumpft ab, ohne daß er es merkt," („See Everything, Do Everything, Feel Nothing", Saturday Review, 21. Januar 1971.)

Wir verlieren unser Empfindungsvermögen deshalb, weil wir die Geschmacksknospen der Seele zerstören. Wir stumpfen unsere Feinfühligkeit und unser Einfühlungsvermögen ab ‑ Eigenschaften. die zu der besseren Welt gehören, nach der wir streben. Unsere selbstsüchtige Gesellschaft neigt zu oberflächlichen Bindungen. Man sagt sich von jedem los, dem gegenüber man verpflichtet sein könnte, und trennt sich von Freunden, die ihren „Zweck" erfüllt haben, von Verwandten und sogar vom Ehepartner. Diese Sprunghaftigkeit im Umgang mit den Mitmenschen treibt die Selbstsucht immer weiter bis man nicht mehr bereit ist, sich überhaupt auf eine dauerhafte Bindung einzulassen noch in irgendeiner Form Zuverlässigkeit an den Tag zu legen.

Noch ein weiterer, wesentlicher Grund spricht dafür, daß wir das siebte Gebot halten: Unkeuschheit zersetzt die Selbstachtung. weil wir praktisch gegen unsere Natur, gegen unser eigentliches Wesen sündigen. (Siehe 1. Korinther 6:18. 19.) Meiner Meinung nach brechen wir damit auch Versprechen, die wir im vorirdischen Dasein abgelegt haben und die unserer Seele kaum merklich aber doch unauslöschlich eingeprägt sind. Unkeuschheit hat auch für unsere Umwelt schwerwiegende Folgen. Wenn ein Vater sich einbildet, sein ehebrecherisches Tun sei durch besondere Umstände gerechtfertigt, ist ihm überhaupt nicht klar, wie sich sein Tun auf seine Frau und seine Kinder auswirkt. Dadurch daß er sich gehen läßt, zieht er andere mit hinab.

Vor etwa 18 Jahren, als ich noch Bischof in einer Studentengemeinde nahe dem Gelände der Universität Utah war, versuchte ich einmal vergeblich, eine junge Ehe zu retten. Die Frau war untreu gewesen, und während ich versuchte, zu helfen und zu verstehen, erfuhr ich, daß der Vater dieser Frau ein Ehebrecher gewesen war. Sie ließ ihren Gefühlen gegenüber den Männern freien Lauf, obwohl sie darin nicht gerechtfertigt war. Was sie tat. hatte nichts mit Liebe zu tun. Mehrere Jahre nach meiner Entlassung aus dem Amt als Bischof las ich in einem Artikel in der Lokalzeitung, daß sie wegen Prostitution festgenommen worden war. Ich weiß nicht, wo sie heute ist, doch kann ich die Worte Jakobs nicht vergessen, der die untreuen Väter streng tadelte, weil diese durch ihr schlechtes Beispiel das Vertrauen ihrer Kinder verloren hatten. (Siehe Jakob 2:25.)

Die Institution Familie wird auch dadurch stark geschwächt, daß Zehntausende junger Leute unverheiratet zusammenleben. Die Folgen dieser Erschütterung des sozialen Gefüges werden über Generationen spürbar bleiben. Von Bainville, einem französischen Philosophen, stammt die Warnung: „Man muß auch die Folgen dessen wünschen, was man sich wünscht".

Unsere Grundwerte stehen in einer Wechselbeziehung zueinander, und ebenso verhält es sich mit unseren grundlegenden Institutionen. Wir können unsere Familie nicht verkommen lassen und zugleich erwarten, daß wir eine gute Regierung haben! Wenn wir zum Beispiel durch unser Verhalten zu erkennen geben, daß die Gebote eigentlich nicht so wichtig sind, bricht Chaos aus. Wenn Vater oder Mutter bei Unterschlagungen ein Auge zudrücken, tut das Kind als Erwachsener das gleiche, wenn es um Ehebruch geht, das Enkelkind gar beim Hochverrat. Wenn man ruhig ungehorsam sein kann, kann sich jeder aussuchen, welche Gebote er brechen will.

Diese und andere Gesichtspunkte gehen weit über die Sorgen hinaus, die man sich in der Welt wegen Geschlechtskrankheiten und unerwünschten Schwangerschaften macht. Die Kirche muß indessen, wie Paulus sagt, die Säule und das Fundament der Wahrheit" bleiben, (l. Timotheus 3:15.) In der heutigen Welt wacht außer der Kirche in der regelmäßig vertrauliche Unterredungen mit den Führern und den Mitgliedern der Kirche geführt werden, kaum noch jemand darüber, daß das siebte Gebot eingehalten wird. Unkeuschheit zersetzt nicht nur das Empfindungsvermögen, sondern beraubt den Menschen unter anderem auch der Hoffnung. Und wenn ein Mensch der Hoffnung beraubt ist, ist die Verzweiflung nicht fern, und ein Prophet hat gesagt: Hoffnungslosigkeit kommt vom Übeltun." (Moroni 10:22) . Schlechtigkeit und Verzweiflung bedingen sieh also gegenseitig. Die Entfremdung zwischen den Menschen beruht zu einem wesentlichen Teil ‑ mehr. als wir wissen — auf der grassierenden Unkeuschheit, die Glauben, Hoffnung und Nächstenliebe zunichte macht.

Will und Ariel Durant. machen in ihrem Geschichtswerk die Beobachtung, daß die Sexualität einem Feuerstrom gleicht. Man muß ihn durch zahlreiche Einschränkungen in Grenzen halten, denn sonst gehen der einzelne und die Gemeinschaft zugrunde.

Abschließend möchte ich euch mit den folgenden Bemerkungen noch einige Ratschlage geben:

1. Laßt euch von den Argumenten der Welt nicht beeinflussen. Ihr werdet feststellen, daß andere es euch gleichtun. Einige davon sicher überraschenderweise.

2. Man läßt doch niemanden mit schmutzigen Füßen herein und in seinem Haus herumlaufen. Laßt darum auch niemanden mit schmutzigen Füßen in eurem Denken herumlaufen.

3. Schadet durch Keuschheit und Treue in eurer Familie ein stabiles Glied in einer Kette, die von den Großeltern über die Eltern und die Kinder bis zu den weiteren Nachkommen reichen kann. Ein solcher Zusammenhalt ist die stabilste Form menschlicher Bindungen. So bekräftigt ihr durch euer Verhalten, daß ihr an die Gebote glaubt — trotz allem, was in eurer Umgehung vor sich geht.

4. Meidet die Gesellschaft von Unzüchtigen — nicht, weil ihr zu gut für sie seid. sondern, wie C, S. Lewis geschrieben hat, weil ihr nicht gut genug seid. Vergeßt nicht, daß selbst gute Menschen in einer schwierigen Situation schwach werden können. Josef war vernünftig und schnell genug, vor Potifars Frau zu fliehen.

5. Lüsterne, selbstsüchtige Männer hat es schon immer gegeben, und es gibt heute auch lüsterne, selbstsüchtige Frauen. Solche Leute lassen sich von ihren Begierden treiben und bilden sich ein, sie seien frei. Es ist aber die gleiche Ar! falscher Freiheit, die Kain hatte, nachdem er mit Abels Ermordung ein Gebot gebrochen hatte. Er sagte nämlich danach (welche Ironie!): „Ich bin frei!“ (Mose 5:33.)

6. Vergeßt nicht: Wenn wir etwas falsch gemacht haben, haben wir das Evangelium der Umkehr. Das Wunder Vergebung ist für alle da, die ernsthaft bereuen und bereit sind, alles Notwendige zu tun. Denkt aber auch daran: In einer solchen Situation muß sich die Seele zunächst durch die Scham läutern, denn nur eine richtige Säuberung kann zu einer richtigen Heilung führen. Den Weg der Umkehr kann man aber wirklich gehen.

7. Wenn die Neigung, Unrecht zu tun. aufkommt, müßt ihr sogleich dagegen angehen, solange die Neigung noch schwach und der Wille stark ist. Ein Aufschub bedeutet nichts anderes, als daß der Wille schwach und die Neigung stärker wird. Widmet euch voll Eifer einer guten Sache, denn durch Müßiggang bilden wir uns immer wieder ein, wir müßten uns selbst zu Gefallen leben.

8. Wir müssen dahin kommen, daß wir die Sünden der Welt verachten. Nicht die Menschen in der Welt sollen wir verachten, denn sie müssen wir lieben. Doch wir müssen dahin kommen, daß wir die Sünden der Welt verachten. Der Hohn und Spott der Welt sind nur vorübergehender Natur. Jakobus nahm kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Wahrheit ging, und er sagte: „Ihr Ehebrecher, wißt ihr nicht, daß Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist?" (Jakobus 4:4.)

9. Vergeßt nicht: Wer seihst auf dem Irrweg ist, hat kein Recht,. darüber zu entscheiden, wie ihr leben sollt. Wer sich seiner sexuellen Eroberungen rühmt, rühmt sich nur dessen, was ihn selbst erobert hat — ähnlich denen, die sich über die Trunkenheit lustig machen und damit nur über etwas spotten, dem sie selbst zum Gespött geworden sind.

Dadurch, daß wir die Unkeuschheit mit ihren schädlichen Folgen meiden, gewinnen wir Zugang zu den Segnungen, die einem immer zufallen, wenn man die Gebote hält. Wenn ihr das siebte Gebot haltet, wird folgendes mit Sicherheit eintreten:

  • 1. Ihr werdet gesegnet, weil ihr mit Gott und seinen Gesetzen im Einklang seid.

2. Durch Gehorsam werdet ihr auch in der Weise gesegnet, daß ihr erkennt, was für Anlagen in euch sind und sie voll ausschöpft. Das Evangelium hilft uns, in uns nicht nur das zu sehen, was wir sind, sondern auch das. was wir werden können.

3. Dadurch, daß wir das siebte Gebot halten, werden wir mit Selbstachtung gesegnet. Wie viele Menschen werden deshalb nicht geliebt, weil sie sich selbst verachten?

4. Durch das Befolgen dieses Gebotes werden wir von der größten Tyrannei frei, die es gibt: der Tyrannei der Begierde.

5. Wir werden mit größerer Entscheidungsfreiheit gesegnet, indem wir lernen, so zu handeln, wie es für uns gut ist, anstatt daß wir uns einfach von unseren Begierden treiben lassen. (Siehe 2. Nephi 2:26)

6. Wir werden auch dadurch sehr gesegnet, daß wir rascher Fortschritt machen. Das gehört dazu, wenn wir uns darin üben, das Unrechte abzulehnen und das Gute zu wählen. Es genügt nicht, daß wir keinen Gefallen mehr an der Sünde finden, sondern wir müssen auch nach Rechtschaffenheit hungern und dürsten.

 

Eine wichtige Segnung ist auch die Lauterkeit der Seele, die zu seelischer Gesundheit und unerschrockener Aufrichtigkeit führt. Meine jungen Freunde, wenn ihr von den Geboten Jesu Christi abweicht, verliert ihr etwas von eurem Christsein. Um ein wahrer Christ zu sein, muß man auch das siebte Gebot halten. Mögen wir erkennen: Liniere Freude wird nur vollkommen sein. wenn wir vor der Eheschließung keusch und nach der Eheschließung unserem Partner treu sind. Darum bete ich im Namen Jesu Christi.

Mai 1981

01:04 - 29.08.2008 - Schreibe einen Kommentar


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